Sonntag, 14. Dezember 2008

"Hier kommt die Braut!"


Ihr koennt euch nicht vorstellen, wie wunderwunderschoen unsere Lehrerin ausgesehen hat, als sie ihrem stattlichen Ehemann das Ja-Wort gab. Es war keine traditionelle Hochzeit, sondern sehr im westlichen Stil gehalten. Vor Beginn wurden mit den Gaesten ausgiebig chinesische Hochzeitslieder geprobt (unsere 3 Reihen von Studenten haben mitgesummt) und ein paar Suessigkeiten verteilt (zum Stillen des Hungers - wer hatte schon Zeit zum fruehstuecken gehabt, schliesslich sind wir alle um 7 aus den Federn gehuepft).
Schliesslich erhoben sich alle und reckten ihrer Haelse, als sie den Mittelgang an der Seite ihres Vater entlang runter schwebte. Unsere Koreanerinnen fielen reihenweise in Ohnmacht, alle waren hoechst entzueckt. Nach dem Vortragen unserer einstudierten Lieder (zusammen mit einem Chor und Keyboard-Begleitung) folgten erstmal endlose Reden vom Pastor und eines Herren, dessen Stellung ich nicht einordnen konnte ("Was Liebe ist und was sie nicht ist" - soviel habe ich verstanden). Denn Chinesen hat es gefallen, die Aussagen wurden immer wieder bekraeftigt durch ein "Amen" aus dem Publikum.
Dann kam der Augenblick, auf den alle gewartet haben - "Ich will" heisst auf chinesisch uebrigens "Wo yuanyi"!
Nach dem Vortragen der Ehegeluebde (nicht zu vergessen die Stelle, wo geschworen wird, dass man auch die Schwiegereltern ewig lieben und ehren wird) wurde die Braut unter Begeisterungsrufen vom Schleier befreit und gekuesst. Das Highlight: die beiden Gluecklichen standen vorn auf der Buehne und haben auch ein Liedchen ins Mikrophon getraellert - es waere durchaus eine Ueberlegung wert, ob wir das nicht mit in unsere Art der Trauung integrieren.
Der frisch gebackene Ehemann erzaehlte, wie sie sich das erste Mal getroffen haben (er hat von seiner Mutter ihre Telefonnummer bekommen - hab ich verstanden...); sie berichtete unter Traenen, wie froh sie ist, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Nachdem die Vaeter vom Paar und 3 Freunde ebenfalls eine kurze Rede gehalten haben, zuendeten beide Eltern Kerzen an und es wurde gebetet.
Es folgte die Leerung 2er Sektflaschen, die Fotosession mit allen Gaesten und Geschenkuebergabe (ich habe die Befuerchtung, das unsere Klasse wirklich Bettwaesche geschenkt hat, obwohl wir uns eigentlich auf einen Gutschein von Ikea geeinigt hatten) und Bekundigungen an die Braut, dass sie unheimlich huebsch aussieht uns sich wirklich einen feinen Burschen rausgesucht hat.
Nach 3 Stunden Zeremonie wurde dann noch zum Mittagessen geladen, aber Tanja und ich haben uns heimlich davon gestohlen. Auf der Strasse wurden wir von einer Landschaftsarchitektin aufgegabelt, die uns 20 min. lang zu einem Reisebuero geleitete (danke fuer die Hilfe!). Dort angekommen haben wir die Buchung unseres Trips nach Harbin in die weltgroesste Eiskunstwerkausstellung unter Dach und Fach gebracht. Am 2. Januar fahren wir ueber Nacht im Zug nach Norden, um dort oben 3 hoffentlich tolle Tage zu verbringen - ich freu mich schon drauf! Muss mich aber noch mit ordentlichen Handschuhen gegen die -20 °C wappnen, die dort oben alles beherrschen.
In 2 Stunden wird bei uns zum Aufbruch geblasen - dann gehen wir mit Chinesen und Koreanern deutsch essen - Kaeseschnitzel ich komme. Obwohl ich schon am Freitag in der Kueche stand und unter extremen Kraftanstrengungen meinen Teil zu "interkulturellen Fressabend" produzierte. Schliesslich schlugen wir uns in der Wohnung einer Kommilitionin die Baeuche mit Beafsteak, Nudel- und Kartoffelsalat, mexikanischen Koestlichkeiten, indonesischem Cocosfleisch, koreanischen alkoholische Getraenken (aus Reis) und gutem chinesischen Bier voll. Kein Wunder, dass diese Kombination einen sich uebergebenden Japaner, eine verstimmte Gastgeberin und lustig gewordene Koreaner hervorbrachte, die dann die Partyspiele auspackten. Aber um Mitternacht war der Spass vorbei, schliesslich mussten wir alle in einem halbwegs akzeptablen Zustand bei der Hochzeit auftauchen.
Wie sprechen wie eigentlich am Montag unsere Lehrerin an - jetzt heisst sie ja gar nicht mehr "Pei laoshi"!

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