Auch wenn dieses Wochenende nichts Spannendes (außer Gewitter) passiert, bin ich Euch noch einen Bericht von meinem Urlaub in Chengdu (Provinz: Sichuan) schuldig.
Chengdu ist die Heimatstadt meiner lieben Freundin, Wei, bei der ich mein erstes Chinesisch gelernt habe. Als Dozentin an der Volkshochschule in Chemnitz hatte sie ihre Arbeit so gut gemacht, dass ich letztendlich Chinesisch studiere und ein Jahr in China verbringe. Wei, wiederum hat inzwischen ihr BWL Studium in Chemnitz abgeschlossen und arbeitet nun in Stuttgart. Seit 2000 ist sie in Deutschland und war seitdem nicht mehr zu Hause in China. Dieses Jahr sollte es anders werden und sie hat einen Flug nach Chengdu gebucht.Wir beide zum gleichen Zeitpunkt in ihrem Heimatland! Ich konnte gar nicht anders und habe mir zwei Tage frei genommen, um sie an einem langen Wochenende in Chengdu zu besuchen.
Sie hat sich so lieb um alles gekümmert und alles organisiert, dass ich mich hier nochmal ganz herzlich bei ihr und ihrer Familien und Freunden bedanken muss. Letzten Freitag (12.06.) flog ich von Wuxi nach Chengdu und wurde vor Ort von ihr und ihrem Cousin abgeholt. Zuerst fuhr er uns zu Wei’s Freundin, bei der wir die nächsten 4 Tage wohnten. Was für eine Wohnung und was für eine nette Familie!Anschließend lernte ich Wei’s Eltern kennen, später am Abend gab es noch ein großes Familienessen, bei dem auch ihre Schwester und weitere Cousins mit ihren Jungs teilnahmen. Vor dem Abendessen gingen wir beiden aber erst mal in die Stadt und schauten uns das Zentrum an, ihre alte Arbeitsstätte und frühere Wohngegend. In den letzten 9 Jahren hat sich allerdings so viel verändert, dass, so sagte mir Wei, sie die Stadt kaum wiedererkannt hat, nur noch die alten Straßen. Wir gingen in eines der alten Viertel, was jetzt eher für Touristen ist. Es gibt viele Stände und Läden, in denen Souvenirs verkauft werden und viiiele Fressbuden. Da haben wir erst mal zugeschlagen, mit jeder Menge kleinen Leckereien, die typisch für Chengdu sind. Das war kurz nach Mittag. Einige Stunden später machten wir uns auf den Heimweg und kamen zum Essen viel zu spät. Es war so warm, dass wir keinen Hunger hatten und auch nicht auf die Uhr schauten, wann denn die Zeit fürs Abendessen ran ist. Halb acht waren wir dann am Restaurant, alle haben schon gewartet, aber die Stimmung war gut. (Essenszeit ist in der Regel gegen 18:00 Uhr). Was es so alles gab kann ich Euch nicht genau sagen (irgendwas war mit Schweineblut), aber es hat alles sehr gut geschmeckt und auch die berühmte Schärfe des Sichuan-Essens habe ich tapfer überstanden.
Am Samstag stand ein Ausflug an, auf den ich schon sehr gespannt war. Wir fuhren ins Erdbebengebiet. Ihr könnt Euch sicher noch an das große Erdbeben am 12.05.2008 erinnern, bei dem mehr als 70.000 Menschen ums Leben kamen. Das Epizentrum war nicht weit von Chengdu entfernt. Die Stadt selbst blieb wie durch ein Wunder weitest gehend verschont, aber die Umgebung hat es natürlich hart getroffen. Die Bilder haben wir alle im Fernsehen gesehen. Manch einer wird jetzt sagen Katastrophen-Tourismus. Dies kann und muss ich an dieser Stelle, leider, bestätigen. Ich hatte es allerdings nicht als solches erwartet.
Wir sind mit dem Auto dorthin gefahren und schon kurz außerhalb der Stadt fuhren wir auf Straßen und durch Tunnel, die zusammengebrochen waren, jetzt aber schon wieder intakt. Wir sahen, wie Berghänge regelrecht weggebrochen und abgerutscht sind. Wir passierten noch eine Mautstelle und dann waren wir auch schon gleich im Katastrophen- (Tourismus-) Gebiet.
Wir kamen an einem Platz an, ich konnte es gar nicht deuten, es war so viel Chaos mit wartenden Autos und LKWs , geradeaus ginge es scheinbar nicht weiter, weil der Tunnel dort noch gesperrt war. Nach links ging es zwar, aber auch da war ein Tunnel und dort wurde der Verkehr durch die Polizei geregelt. Ich verstand noch nicht ganz die Probleme, was daran lag, dass ich die chinesischen Diskussionen nicht verstand. Jedenfalls konnten wir nicht mit unserem eigenen Auto in die Stadt hinter dem Tunnel fahren. Die Zufahrt war nur mit örtlichem Kennzeichen möglich. Aber das war kein Problem, denn es standen Anwohner mit PKW bereit, die als Fahrer und „Reiseleiter“ dienten. Alle Punkte an denen wir später hielten, waren mit Informationstafeln versehen, wie sie auch sonst an Sehenswürdigkeiten zu finden sind. Auch in der Stadt gab es dann Straßenstände, an denen DVD und Vorher-Nachher-Fotos verkauft wurden. Das mag jetzt alles sehr makaber klingen, aber für die Überlebenden muss das Leben irgendwie weitergehen und sie können so ein bisschen Geld verdienen und ihre Stadt wieder aufbauen. Nachwievor leben die Menschen in Zelten oder provisorischen Unterkünften (Baucontainer).
Unser Fahrer hat seine beiden Töchter (10 und 12 Jahre) verloren und so geht es vielen Familien dort. Wir haben die Ruine der Schule gesehen, unglaublich.
Später fuhren wir zum Dujiangyan Staudamm. Dieser Staudamm existiert und funktioniert seit 2.200 Jahren. Der Min-Fluss wurde in den Inneren und Äußeren Fluss geteilt und es wurde ein System installiert, um das Wasser in Zeiten des Hochwassers zu kontrollieren. Super interessant, vor allem, wenn man bedenkt, dass das vor so langer Zeit gebaut wurde.An dem Abend gingen wir mit unserer Gastfamilie Hotpot (Feuertopf) essen. Ist ja für mich nix neues gewesen, aber irgendwie schon, denn normalerweise bestellen wir Ausländer immer recht harmlose Sachen, die wir da reinwerfen. Diesmal gab es sämtliche Innereien, ich weiß wieder nicht genau was ich gegessen habe. Wieder war ich tapfer und habe meine Zutaten in der scharfen Suppe gekocht und nur ab und zu die milde Suppe verwendet. Damit habe ich Wei und ihre Freunde ganz schön beeindruckt. Am Sonntag fuhren wir (mit 3 Autos =16 Leute) zum Leshan Buddha. Dies ist, mit 71 m, die weltgrößte Buddha-Statue aus Stein. Sehr beeindruckend und mir fehlen die Worte, um dieses gigantische Werk zu beschreiben. Mit meiner Kamera war es mir leider nicht möglich den Buddha in seiner ganzen Größe zu fotografieren, aber ihr könnt Euch Abschnitte (Kopf, Hand, Fuß) im Album anschauen.Puh, jetzt hab ich schon wieder soviel geschrieben…
… nun noch kurz zum Montag, den verbrachten wir in Chengdu, besichtigten noch ein anderes „Altstadt-Viertel“ (ähnlich wie Xintiandi in Shanghai) und einer Ausgrabungsstätte (Jinsha Site Museum). Den Nachmittag verbrachten wir dann mit Ausruhen in der Wohnung von Wei’s Eltern, dort bekam ich noch ein Abendessen und dann ging auch schon mein Flieger zurück nach Wuxi.
Tanja